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"Außerkörperliche Wahrnehmung"- Hirngespinste?

Der flüchtige Blick ins Jenseits

Verschiedene Wissenschaftler weisen nach, dass Berichte vom nahen Tod keine Einbildung sind - Prozesse halten das Bewusstsein wach.

Der Sterbende saust durch einen Tunnel, sieht Licht, findet sich außerhalb des Körpers wieder und blickt auf seine leibliche Hülle. Dann zieht ein Panorama der wichtigsten Stationen des Lebens vorüber. Gefühle von Schwerelosigkeit, Getragensein, Geborgensein, Wärme, Frieden und Wirklichkeitsempfinden treten dann auf, was anscheinend auch noch richtig Spaß macht. Betroffene erzählen, dass es „grausam“ war wieder in den Körper zurückzukehren.

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Der US-Psychiater Raymond Moody hatte in den Siebzigerjahren Erzählungen zwischen Leben und Tod gesammelt. Seitdem gingen Jenseitsforscher davon aus, dass beim Abgang von dieser Welt fast jeder stereotypische Nahtoderlebnisse wahrnimmt. Vor allem den vermeintlichen Austritt aus dem Körper sehen viele als Indiz an, dass die „Seele“ ohne Körper eigene Wege geht. Die meisten Naturwissenschaftler machen für den flüchtigen Blick ins Jenseits psychische und hirnphysiologische Prozesse verantwortlich, da es bei diversen neurologischen Krankheiten, wie Epilepsie, Demenz u.a., ganz ähnliche Phänomene der Wahrnehmung gibt. Schwerelosigkeit,Tunnel- und Lichtwahrnehmung führt der Neuropsychologe Christian Hoppe von der Uni Bonn auf Reizungen und Störungen im rechten Insellappen – der Gyrus angularis - des Gehirns zurück. Vorführer im Lebenskino könnte der Hippocampus sein, der empfindlich auf Sauerstoffmangel reagiert und „eine schlagartige Auslösung von Erinnerungsketten“ bewirkt, was ein wahrnehumgspsychologisches Phänomen ist. Die euphorischen Gefühle sind auf die Ausschüttung von Endorphinen, Glückshormone, zurückzuführen. „Das Bewusstsein ist an den Organismus gebunden“, so Christian Hoppe bei einem Vortrag über Nahtoderfahrungen und Hirnforschung in der Uni Bonn.

Doch in jüngster Zeit hat die steile These von einer Seele, die unabhängig vom Hirn existieren kann, neue Nahrung erhalten. So hat der niederländische Kardiologe Pim van Lommel 344 Patienten interviewt, die klinisch tot waren und ins Leben zurückgeholt wurden. Aufgrund seiner Studie, veröffentlicht im Magazin „The Lancet“, verlangte er eine neue Debatte über das „angenommene, niemals bewiesene Konzept, dass Erinnerung und Bewusstsein im Gehirn lokalisiert sind“. Für das Phänomen der so genannten Nahtoderfahrung gebe es keine medizinischen Erklärungen, so van Lommel. Wie van Lommel in den Niederlanden haben in England Neuropsychiater und Kardiologen Patienten untersucht, in deren Gehirnen die Messgeräte keinerlei Aktivität mehr zeigten. Trotzdem schilderten diese daraufhin Dinge, die sie laut Messgeräten gar nicht hätten wahrnehmen können. Acht Sekunden nach dem Herz, sagt der Neuropsychiater Peter Fernwick zur BBC, stelle auch das Gehirn das Arbeiten ein: „Hört man danach nicht auf, Erlebnisse zu produzieren, ergibt sich daraus eine bahnbrechende Feststellung: dass Bewusstsein und Gehirn nicht ein und dasselbe sind.“

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Christian Hoppe kann daran nicht glauben, schließlich ist unser Gehirn ein ganz komplexes Konstrukt, was aus Millionen Neuronen, die auch am Entstehen des Bewusstseins beteiligt sind, besteht. Die nötigen Informationen seien darin gespeichert, um die Illusion eines Tunnels oder außerkörperliche Erfahrungen zu erzeugen. Vielleicht ist das Hirn ja auch bei eingestelltem Betrieb nicht ganz kaltgestellt – quasi auf Stand-by?

 

Die Vogelperspektive

Vielleicht brauchen wir auch gar keine metaphysischen Erklärungen. Die Hirnforschung hat mit ganz profanen Mitteln nicht nur das vermeintliche Schweben über dem eigenen Körper erzeugt, sondern auch den vogelperspektivischen Blick der Patienten auf sich selbst. So wurde in der Uniklinik Genf einer Epilepsiepatientin der hintere Schläfenlappen - der so genannte Gyrus angularis – mit Elektroden stimuliert. Jedes Mal machte die Frau dieselben „außerkörperlichen“ Erfahrungen und beschrieb diese mit vollem Bewusstsein: „Ich fühle mich leicht und schwebe in etwa zwei Meter Höhe. Unten sehe ich meinen Körper auf dem Bett liegen.“ Wurde der Strom eingestellt, war es mit den „Nahtoderlebnissen“ vorbei. Somit ist für die Hirnforschung logisch, dass es bei der Störung dieser Region - Gyrus angularis – zu außerkörperlichen Erfahrungen und Fehlwahrnehmungen führen kann. Und diese Erlebnisse werden bei vollem Bewusstsein wirklich erlebt und sind trotzdem ein unvollständiges Erleben.


Fazit ist, dass sich auch nach dem Herzstillstand im Hirn einiges tut. Wie das Radio nach dem Herausziehen des Steckers mit den letzten krabbelnden Elektronen noch einen Takt von Funktion von sich gibt, bleibt auf mysteriöse Art auch das biologische Wesen a la Mensch für kurze Zeit aktionsfähig, wenn das Blut in den Adern stillsteht.

Susanne Dorndorf

(Vorlage für WDR5, Leonardo, Wissenschaftssendung 06/2005)

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