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Musik und Hirnforschung

Musizieren gehört vermutlich zum Urerbe des Menschen, denn unser Gehirn scheint für Musik wie geschaffen zu sein.

Neuro Forum Musik

Warum haben wir Menschen Musik? Wie entfaltet Musik ihre Wirkung? Und was geht dabei in unserem Gehirn vor sich? Fördert Musik die Intelligenz? Dient sie dem Gruppenzusammenhalt? Teilt Musik Emotionen mit?
Zu diesem Thema veranstaltete die Gemeinnützige Hertie-Stiftung gemeinsam mit der Fachzeitung Gehirn und Geist und dem Fernsehsender 3sat in Frankfurt im Hermann Josef Abs Saal das diesjährige NeuroForum, Musik und Gehirn – Musik aus Sicht der Hirnforschung.

Zu Beginn der Veranstaltung gab Prof. Dr. Thomas Münte, Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Schleswig Holstein in Lübeck, mit seinem Einführungsvortrag allen Gästen einen Einblick in unser plastisches Gehirn. Besonders die Beeinflussung von Musik auf unsere Gehirnarchitektur und wie sich durch musikalisches „Training“ unser Gehirn positiv entwickelt, waren seine Schwerpunkte. Dank neuer Techniken, die die Beobachtung des lebenden Gehirns ermöglichen, während Menschen Musik hören, musizieren und sogar komponieren, wächst der Bestand an Arbeiten über die neuronalen Grundlagen der musikalischen Wahrnehmung und Vorstellung sowie die komplexen, oft auch bizarren Störungen, die in diesem Bereich auftreten können. „Jeder von uns kennt einen Thrill, wenn wir ganz bestimmte Musik hören und es schauert uns den Rücken herunter“, so Prof. Münte bei seiner Erläuterung über Musik und Emotionen.

Gert Scobel, der Redaktionsleiter und Moderator der Sendereihe scobel bei 3sat leitete die darauf folgende Podiumsdiskussion zu der Martin Stadtfeld, ein hochbegabter Pianist, Prof. Dr. Eckhardt Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin in Hannover, als einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Neurophysiologie und Neuropsychologie und Prof. Dr. Stefan Koelsch, Professor für biologische und Musikpsychologie an der Freien Universität in Berlin und am Institut Cluster Languages of Emotion, zum Gespräch eingeladen waren.
Sowohl der Pianist als auch die zwei Wissenschaftler, die selbst regelmäßig musizieren, waren sich einig, dass als einzige Spezies Homo sapiens zwei lautliche Kommunikationssysteme besitzt, nämlich Sprache und Musik. Während der evolutionäre Vorteil der sprachlichen Kommunikation als Möglichkeit der Informationsübermittlung offensichtlich ist, wird bis heute kontrovers diskutiert, warum sich Musik als weiteres Kommunikationssystem erhielt oder entwickelte. Eine wesentliche Rolle scheint dabei die Verstärkung der Gruppenbindung durch Musik zu spielen. Aber Musik kann auch Glücksgefühle erzeugen und so das Leben lebenswerter machen.
Prof. Altenmüller beschrieb in dem Gespräch die evolutionären Grundlagen der Musikwahrnehmung und des Musizierens: Die Vorläufer des Musizierens im Tierreich und die Rekonstruktionen des Musiklebens in der Steinzeit sind die Ausgangspunkte, um die gegenwärtige Rolle der Musik in unterschiedlichen Kulturen zu beleuchten. Die faszinierenden neuen Erkenntnisse zur Neurobiologie der Musikwahrnehmung und des Musizierens, so Prof. Koelsch, sind so wichtig für die Entwicklungsaspekte von Sprach- und Musikkognition. Dabei werden die Anpassungen des Zentralnervensystems an Höchstleistungen der professionellen Musiker ausführlich untersucht.
Das virtuose Tasten- und Saitenspiel birgt jedoch auch Risiken in sich. Als „Musikerkrampf" wird der Verlust der feinmotorischen Fertigkeiten bei höchstbegabten Virtuosen bezeichnet, eine Erkrankung, die als Erster der junge Pianist und Komponist Robert Schumann entwickelte. Doch glücklicherweise macht Musik nur selten krank - viel wichtiger sind die bislang sicher noch gar nicht ausgeschöpften heilenden Potenziale und die große Macht der positiven Emotionen, die durch Musik ausgelöst werden. „Musik ist Freude am Leben und sollte auch Freude machen, sonst hat es keinen Sinn“, so der hochbegabte Pianist, Martin Stadtfeld. Es ist mittlerweile bekannt, dass das Hochgefühl beim Musikhören in diesen Momenten der Gehirnaktivität teilweise wie dem Zustand im Zusammenhang mit gutem Essen, sexueller Betätigung oder auch Drogenkonsum gleicht. Die Freude, die Musik geben kann, aktiviert einige derselben Schaltkreise des so genannten Belohnungssystems unseres Gehirns.

Prof. Altenmüller verwies auf sehr viele Befunde aus diversen Studien, die auf eine biologische Grundlage für Musik hindeutet. Das Gehirn scheint darauf angelegt zu sein, sich mit Melodien, Rhythmen und Klängen zu befassen. Eine Reihe von Hirnregionen beteiligt sich an der Verarbeitung wobei jede spezielle Aufgaben übernimmt.
Gert Scobel fasste am Ende des Gesprächs noch mal alle gewonnenen Kenntnisse zusammen:
„So viel kristallisiert sich bereits jetzt heraus, dass Musikergehirne, wie auch Ihres Herr Stadtfeld, anscheinend zusätzliche Spezialisierungen aufweisen, insbesondere dass sich einige Strukturen größer als normal ausprägen, ist nicht zuletzt für die Lernforschung aufschlussreich. Beim Erlernen von Tönen und Klängen wird das Gehirn neu gestimmt. Dann verschieben einzelne Neuronen ihren Antwortbereich, und insgesamt reagieren bei wichtigen Klangereignissen mehr Zellen der Hirnrinde. Die Hirnforschung wird dazu beitragen, mehr über die Musik selbst zu erfahren – auch darüber, wie viele Fassetten sie hat und warum es Musik gibt. Ob als Musizierender oder Hörer, wir alle lieben Musik.“

Susanne Dorndorf, Neuroforum, 3sat, 2012

 

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